Vortrag von der
FCI-Tagung in Stuttgart

Einleitungsreferat zum Thema: "Standard und seine Interpretation"
Dr. med. vet. Jan Nesvadba, Zäziwil, Schweiz

Es ist mir eine grosse Ehre, an der heutigen Tagung das Einleitungsreferat zur Diskussion über das Thema "Standard und seine Interpretation" übernehmen zu dürfen.
Dieses Thema ist nämlich ein Problem, mit dem ich mich schon jahrelang intensiv beschäftige. Denn ich sehe in den Standards bzw. nur schon in ihrer Existenz ein sehr geeignetes Mittel zur Verteidigung gegen die heutzutage so oft und heftig geführten Angriffe gegen die reinrassige Hundezucht. Bei diesen Angriffen wird immer wieder behauptet, dass die jetzige Population der Rassehunde "überzüchtet" und aus diesem Grund auch nicht lebensfähig ist. Dieser Behauptung widerspreche ich aber mit der Argumentation, dass die Mehrzahl der Standards der Rassen, die wir heute züchten, in ihren noch heute gültigen Grundzügen schon vor 100 oder noch mehr Jahren entstanden sind. Wäre die heutige Population der Rassehunde tatsächlich nicht lebensfähig. so hätte sie diese lange Zeitspanne wohl kaum überdauern können, Die Ursachen der Schwierigkeiten, mit denen wir gegenwärtig in der Hundezucht zu kämpfen haben, sehe ich persönlich auch in einigen anderen Problemen, auf welche ich gegen Ende meines Referates noch eingehen werde.
Die Entstehung der meisten Standards geht auf die Anfänge der organisierten Kynologie auf dem europäischen Kontinent zurück, also auf das Ende des 19. bzw. auf den Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit begannen sich Zuchtvereine für einzelne Rassen zu organisieren, und eine der ersten Aufgaben dieser Zuchtvereine bestand in der Beschreibung der Rasse, also des Standards der Rasse, die sie vertraten. In England, das man als die Wiege der züchterischen Arbeit, und das nicht nur in der Hundezucht, betrachtet kann, entstanden Standards bei einigen Hunderassen schon am Anfang des 19 Jahrhunderts.
Kehren wir aber in die Gegenwart zurück und befassen wir uns damit, wie die FCI-Standards, die für uns alle, Züchter und Richter, verbindlich sind, festgelegt werden. Für jeden Standard ist allein das Ursprungsland der Rasse zuständig. Dieses Land legt den Standard der Standard - Kommission der FCI zur Begutachtung vor, wobei es seit 1987 eine Vorlage gibt, nach welcher jeder Standard systematisch gestaltet sein soll. Dabei übernimmt die FCI auch die Übersetzung des Standards in die vier Amtssprachen der FCI. Der vom Ursprungsland vorgelegte und von der Standard - Kommission der FCI anerkannte Standard wird zukünftig bei irgend welchen Unstimmigkeiten massgebend sein. Der vom FCI anerkannte und auf alle Mitgliedstaaten verbreitete Standard gilt daher für die Richter, aber auch für die Züchter sozusagen als Gesetz. Dieser Umstand kann nicht deutlich genug hervorgehoben werden, denn so wie die Missachtung der Gesetze in der menschlichen Gesellschaft zur Anarchie führen kann, so kann auch das Nichtbeachten der "Gesetze" in der Hundezucht sehr ungünstige Folgen haben und, wie wir wissen, in einigen Fällen auch schon gehabt hat.
Auch wenn der Richter oder Züchter nicht mit allen Details des Standards einverstanden oder anderer Meinung ist, muss er sich an den Standard halten. Natürlich soll jeder, der in irgend einem Standard Fehler oder Unvollständigkeiten feststellt, darauf aufmerksam machen und mit demokratischen Mitteln entsprechende Korrekturen anstreben. Gerade so, wie es Gesetze gibt, die eindeutig und unmissverständlich sind, andere hingegen, wenn auch vom Gesetzgeber in bester Absicht erlassen, weniger präzis formuliert und somit Spielraum für unterschiedliche Interpretationen offen lassen, so verhält es sich auch mit den Standards in der Kynologie. Meiner Meinung nach wäre es wünschenswert, dass all jene Abschnitte in den Standards, die ungenau und wenig konkret gehalten sind und so dem Richter sehr unterschiedliche Interpretationen erlauben, eindeutig und präzis ausformuliert werden, Als Beispiel möchte ich die Beschreibung der Länge oder Grösse einzelner Körperteile aufführen. Hier werden oft die Begriffe "mittellang" oder "mittelgross" gebraucht. Diesen Begriffen fehlt jedoch jegliche Aussagekraft: Was jemand als "mittellang" betrachtet, kann für einen anderen schon als "zu kurz" und für einen dritten sogar als "zu lang" gelten, Genauso verhält es sich mit Beschreibungen, welche im Standard mit "möglichst' umschrieben werden. Mit solchen Formulierungen wird der persönlichen Interpretation Tür und Tor geöffnet, was keinesfalls im Sinne und Interesse einer seriösen Rassezucht sein kann.
Sofern in einem Standard zu einem bestimmten Merkmal nichts konkretes und eindeutiges aufgeführt ist, so gilt folgender Satz eines jeden Standards. Jede Abweichung von den vorgenannten Punkten muss als Fehler angesehen werden, dessen Bewertung in genauem Verhältnis zum Grad der Abweichung stehen sollte." Dieser Satz gibt dem Richter die Möglichkeit, aber auch die verantwortungsvolle Pflicht, auf der Basis eigener Überlegungen, Kenntnissen und seiner Erfahrung festzulegen, wie gravierend die festgestellte Abweichung vom Standard ist und wie stark sich die Abweichung auf die Bewertung des Hundes auswirkt.
Hier wird also dem Richter ein gewisser Spielraum in der Gewichtung eines Mangels eingeräumt Das erlaubt natürlich die Möglichkeit. dass verschiedene Richter eine bestimmte Abweichung nicht gleich beurteilen Dies könnte eigentlich der ideale Zustand sein, weil damit die spezifische individuelle Beurteilung gewährleistet ist.
Jede Bewertung, die sich natürlich innerhalb der Grenzen des Standards bewegen muss, sollte immer eine gewisse persönliche Prägung tragen. Auf der anderen Seite kann aber diese persönliche Freiheit und Toleranz zu sehr grossen und schwerwiegenden Unterschieden führen Dies betrifft nicht nur die prinzipielle Feststellung des Mangels, sondern besonders die richtige Abstufung der Wichtigkeit der einzelnen festgestellten Mängel. Dies führt folglich zur Verpflichtung, möglichst auf der internationalen Ebene, oder zumindest auf der nationalen Ebene, alle fraglichen oder offenen Probleme bei den einzelnen Rassen zu diskutieren und nicht nur die Abweichung selbst, sondern auch eine einheitliche Bewertung der Abweichung von den Standard-Bestimmungen festzulegen.
In diesem Zusammenhang hat sich die explizite Aufzahlung der Fehler am Ende des Standards einiger Rassen als sehr nützlich erwiesen. Dabei wird eine Abstufung in folgende Kategorien vorgenommen "Fehler", "Schwere Fehler" und "Ausschliessende Fehler", Mit dieser Einteilung kommt man dem Ziel gerecht zu richten, einen wesentlichen Schritt näher. Dabei sollten sich aber alle Beteiligten auf eine einheitliche Interpretation bzw. Gewichtung des beanstandeten Fehlers einigen Ich persönlich bin der Meinung, und so praktiziere ich es auch bei meiner Richtertätigkeit, dass die Abweichungen vom Standard, die unter "Fehler" aufgeführt sind, zu einer Herabsetzung der Gesamtbeurteilung um eine Stufe führen sollten. Diejenigen Abweichungen, die unter "Schwere Fehler" aufgeführt sind, erlauben meiner Meinung nach keine bessere Bewertung als "gut", und die unter "ausschliessende Fehler" aufgeführten Abweichungen müssen als "ungenügend", "fehlerhaft" oder "nicht bewertbar" eingestuft werden.
Es wäre wohl im Interesse der gesamten Richtertätigkeit, diese Aufzahlung und Abstufung der Fehler bei den Standards aller Rassen einzuführen. Gleichzeitig sollte man bei einigen schon bestehenden Standards die Einteilung der Fehler noch einmal überdenken und nötigenfalls revidieren.
Als Beispiel hierfür möchte ich den Standard der Deutschen Dogge (FCI-Standard Nr. 235) erwähnen, bei welchen Vorbiss und Rückbiss, Entropium und Ektropium unter "Schwere Fehler" eingestuft sind, obwohl es sich hierbei meiner Meinung nach eindeutig um "zuchtausschliessende Fehler" handelt. Dies ist allerdings nur meine persönliche Meinung, gedacht als Anregung zur Diskussion oder als Beispiel einer unrealistischen Anforderung, die dann so wie so von der Mehrzahl der Richter nicht befolgt würde. An dieser Stelle möchte noch auf ein in letzter Zeit häufiger aufgetretenes Problem in der Beurteilung des Standards aufmerksam machen. Dabei werden eindeutige Abweichungen vom Standard einer Rasse geduldet, mit der Begründung, dass es sich um einen "Arbeitstyp", "Renntyp" oder gar Amerikanischen Typ" der Rasse handelt. Auch wenn bei einigen Rassen Hunde dieser so genannten "Typen" sehr verbreitet sind und sogar absichtlich gezüchtet werden, so muss sich der Richter bei der Beurteilung solcher Hunde exakt und kompromisslos an den FCI-Standard der betreffenden Rasse halten und Abweichungen davon entsprechend beanstanden.
Gleiches gilt auch für Reklamationen, die wir oft erst nach dem Richten erhalten. Nämlich, dass wir ganz schlecht gerichtet haben, weil der betreffende Hund, den wir als nicht ganz einwandfrei eingestuft haben, aus dem Ursprungsland der Rasse stammt. Doch auch solche Hunde bzw. erst recht solche Hunde müssen den FCI-Standard vollständig erfüllen.
Als Beispiel dafür, was eine ungenaue Formulierung des Standards verursachen kann und welche Folgen daraus resultieren können, möchte ich anhand des Standards des Boxers aufzeigen. Ich habe mich ganz bewusst für diese Rasse entschieden, denn ich habe früher selber Boxer gezüchtet und war jahrelang in der Tschechoslowakei Hauptzuchtwart für diese Rasse. Mein Lehrmeister in der Richtertätigkeit allgemein aber auch in der Boxerzucht im speziellen war der sehr geschätzte deutsche Kynologe Herr Leo Helbig. Und so stehen die Boxer noch heute im Vordergrund meines Interesses, und das nicht nur aus dem Blickwinkel des Richters und ehemaligen Züchters, sondern auch aus dem Blickwinkel des Tierarztes. Denn ich stelle in der jetzigen gesundheitlichen Situation dieser Rasse grosse Unterschiede zu dem Zuchtmaterial fest, weiches ich vor 50 Jahren bei dieser Rasse noch vorfand. Viele gesundheitliche Probleme, die heutzutage die Boxer begleiten, sind damals gar nicht oder höchstens sehr, sehr selten vorgekommen. Und so stellt sich unweigerlich die Frage, ob nicht auch die ungenaue Formulierung des Standards und die daraus resultierende zu grosse Toleranz bei der Beurteilung und Bewertung dazu beigetragen haben.

Der gegenwärtig gültige Boxerstandard erwähnt nur "Vorbiss", aber über das Ausmass des Vorbisses werden keine genauen und konkreten Angaben gemacht. Der erste Standard des Boxers hingegen erlaubte nur einige Millimeter Vorbiss, und Herr Leo Helbig lehrte uns, dass der Vorbiss nicht mehr als die Breite eines Zündhölzchens, damals waren das 2 bis 3 Millimeter, betragen soll. Was über 5 Millimeter war, haben wir bereits bestraft. Dem gegenüber hat heutzutage ein relativ grosser Anteil der gezüchteten Boxer einen zu grossen Vorbiss.
Noch schlimmer steht es leider um die Gesamt-Qualität des Gebisses. An Stelle der ursprünglichen Standardbeschreibung: "Gut entwickelte Schneidezähne in einer geraden Linie" wird diese berechtigte Anforderung im jetzigen Standard abgeschwächt durch das Wort "möglichst". Auch wird der eindeutigen Bestimmung des Boxerstandards, dass das Gebiss "kräftig und gesund" sein soll, nicht genügend Rechnung getragen und daraus Konsequenzen gezogen. So sehe ich in der gegenwärtigen Boxerpopulation leider immer wieder Tiere mit unregelmässig platzierten Schneidezähnen und mit grossen Zahnlücken zwischen den relativ kleinen Prämolaren, hinter welchen sich beim Boxer schon in jüngeren Jahren wegen der schlechten Zahnschmelz-Qualität Zahnstein bildet.
Dass ich so viel Wert auf ein intaktes und gut entwickeltes Gebiss lege, hat nichts mit einem übertriebenen Ästhetikempfinden zu tun. Viel mehr ist für mich das Gebiss ein Spiegel für das Funktionieren des gesamten Stoffwechsels. Wenn der Stoffwechsel während der Entwicklung des jungen Hundes nicht optimal ist, dann 'hat das negative Folgen, welche sich nicht nur auf das Skelett auswirken - bei den Boxern die Spondylopathien, HD und ED - sondern auch auf die Funktion der Organe, z. B. Herz- und Nierenerkrankungen.
In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen von einigen interessanten Beobachtungen erzählen, die ich vor 40 Jahren in der Tschechoslowakei machen konnte. Zu der Zeit haben wir zusammen mit den Ostdeutschen Boxerzüchtern mehr als 100 Boxerwürfe überprüft, bei denen beide Eltern vom Verlust des P1 betroffen waren. Ziel dieser Untersuchung war, ob das Fehlen des P1 bei den Elterntieren zu einem Verlust von grösseren Prämolaren bei den Nachkommen führt. Das hat sich nicht bestätigt. Zwar fehlte der P1 auch bei ca. 80% der Nachkommen, doch bei keinem einzigen ist es zu einem Verlust von grösseren Prämolaren gekommen und die Zähne, die vorhanden waren, waren auch sehr gut entwickelt. Bei ca. 20% der Nachkommen war der P1 sogar wieder vorhanden.
Auf ähnlicher Basis wurden von uns noch weitere Untersuchungen durchgeführt, die ich aber leider auf Grund der politischen Situation nicht abschliessen konnte. Anhand einer repräsentativen Zahl von Boxern wollten wir klären, ob die Gesundheit der Boxer durch gewisse Exterieurmerkmale beeinflusst wird. Dabei konnten wir feststellen, dass Tiere mit einem eher lymphatischen Konstitutionstyp, mit vermehrten Hautfalten und nicht ganz korrekten Augenlidern, mit wenig festem Vordermittelfuss und Pfoten in vermehrtem Masse zu Hautentzündungen inklusive Ohrgangsentzündungen neigten. Darüber hinaus traten bei den Hündinnen vermehrt Scheidenvorfälle auf. Interessant war auch die Feststellung, dass Hündinnen, die nicht die vom Standard verlangten, runden, gut gewölbten Pfoten, also Katzenpfoten, aufwiesen, vermehrt von verschiedenen Geburtskomplikationen betroffen waren. Aufgrund der oben genannten Feststellungen bei den Boxern, aber auch aufgrund von Beobachtungen bei zahlreichen anderen Rassen, die ich während meiner 51 - jährigen Tätigkeit als Tierarzt und während meiner 45 - jährigen Richtertätigkeit machen konnte, bin ich zum Schluss gekommen, dass es zwischen den Exterieurmerkmalen und der Gesundheit der Hunde eindeutig Zusammenhänge gibt. Diese Erkentniss führt uns zurück zum Anfang meines Referats, wo ich aufgezeigt habe, dass sehr viele Standards schon vor 100 und mehr Jahren festgelegt worden. Schon damals haben offensichtlich Züchter und Kenner der Rassen erkannt, dass nur Hunde mit bestimmten Körpermerkmalen aber- auch Charaktereigenschaften, gesund und leistungsfähig sind und auch über Generationen hinweg zu bleiben vermögen.
Daraus lasst sich leicht ableiten, dass man dem Vorwurf der Überzüchtung, der von mancher Seite gegen die Zucht von reinrassigen Hunden gemacht wird, am besten durch die strikte Einhaltung der Standards begegnet. Dass dem leider nicht immer so ist, möchte ich Ihnen anhand von zwei Beispielen aufzeigen. Der Shar-Pei wird von Gegnern der Rassezucht gerne als leuchtendes Beispiel eines überzüchteten Hundes herangezogen. Dabei verbietet sein FCI-Standard schon in der Fassung von 1995 die extreme Ausbildung der Exterieurmerkmale wie Körperhautfalten, Gestalt der Lefzen und der Augenlider Gleiches gilt auch für die zu kleinen Augen bei den Collies. Denn der Standard verlangt unmissverständlich: "Augen mittelgross, auf keinen Fall sehr klein".
Bis jetzt habe ich eigentlich nur über Exterieur-Mängel und Fehler gesprochen. Die gleiche Aufmerksamkeit muss man aber beim Richten und auch beim Züchten der Hunde dem Wesen und den Charaktereigenschaften widmen. Das Wesen wird zwar in den Standards nur mit einigen Zeilen oder sogar nur mit einem Satz erwähnt, aber diese sind in ihrer Wichtigkeit auf der gleichen Ebene wie die viele Seiten umfassende Beschreibung des Körperbaus der Hunde. Es wird zwar von vielen Fachleuten sehr skeptisch betrachtet, wie und ob man überhaupt in der sehr kurzen Zeit, die man beim Richten in einer Ausstellung zur Verfügung hat! das Wesen eines Hundes beurteilen kann. Ich glaube aber schon, dass das möglich ist. Denn es geht dort nicht um eine restlose Wesensanalyse, sondern darum, wie der Hund dem, was der Standard in der Wesensbeschreibung verlangt, entspricht und wie er sich den gegenwärtigen Haltungsbedingungen angepasst hat. Das alles kann ich beim Richten, zwar so wie nebenbei, aber trotzdem ausreichend beurteilen.
Ich betrachte dabei die Beziehung zwischen dem Hund und dem Besitzer, das Temperament und die Aufmerksamkeit des Hundes und sein Verhalten gegenüber anderen Hunden im Ring. Aber auch sein Verhalten zu mir, wenn ich die Zahne kontrolliere oder bei den Rüden die Hoden überprüfe, wie ich den Hund abtasten kann und wie er auf verschiedene andere Impulse reagiert. Wir müssen konsequent verlangen, dass die Hunde, die zwar je nach Rasse ein unterschiedliches Temperament aufweisen, aufmerksam und der Rasse entsprechend lebhaft sind. Auch müssen die Hunde genügend Nervenstarke beweisen gegenüber den anderen Hunden im Ring, vor allem aber müssen sie sich gegen Leute, die für den Besitzer keine Gefahr darstellen -und dazu gehört auch der Richter - vollständig friedlich verhalten. Es wird manchmal versucht, Abweichungen von diesem Verhalten mit dem Hinweis zu entschuldigen, dass in einigen Standards in der Wesensbeschreibung die Begriffe "misstrauisch" oder "zurückhaltend" verwendet werden. Für mich bedeutet das jedoch, und so sollte man es auch allgemein interpretieren, dass mich der Hund nicht schon bei der ersten Bekanntschaft im Ring stürmisch begrüsst und mit dem Schwanz wedelt, voll Freude darüber, dass er wieder einen menschlichen Kameraden getroffen hat. Dies ist z. B. bei den Boxern, den Berner Sennenhunden, den Cavalier King Charles Spaniels und vielen anderen Rassen üblich. Der nach dem Standard "zurückhaltende" oder "misstrauische" Hund muss sich dem gegenüber ganz ruhig verhalten, ohne irgend ein Anzeichen von Ängstlichkeit oder gar Aggressivität.
Sicher waren ursprünglich viele Rassen, die ungenügend Kontakt zu fremden Leuten hatten, weil sie in abgelegenen Berggebieten oder in der Wüste gehalten wurden, völlig misstrauisch gegenüber Fremden und so konnten sie auch gefährlich sein. Ich erinnere mich noch sehr gut, mit was für einem Respekt ich vor 40 Jahren z. B. die Slowakischen Cuvac gerichtet habe. Und bei den Sarplaninac - Hunde war es offiziell erlaubt, dass diese im Ring mit einem Maulkorb vorgeführt wurden. Mit der Zeit haben sich aber auch diese Rassen zivilisiert und so ist es unsere Verpflichtung, auch bei diesen Rassen ein ganz korrektes Wesen zu verlangen.
Der Richter muss auch in der knappen Zeit, die ihm dazu zur Verfügung steht, konsequent beurteilen, wie sich der Hund in seinem Wesen präsentiert. Alle Abweichungen von den gewünschten und im Standard verlangten Wesenseigenschaften darf man auf keinen Fall dulden Dabei handelt es sich jedoch nicht immer nur um genetisch bedingte Wesensmangel. In vielen Fällen sind sie auch durch fehlerhafte Erziehung und ungenügenden Kontakt zu Menschen bedingt. Aber gerade diesen Umstand sollte man um so mehr bedauern und beim Richten noch mehr bestrafen, weil der Hund in seiner Beziehung zum Halter sicher gelitten hat.

Ich denke, dass meine Ausführungen ganz eindeutig aufzeigen, was für eine. wichtige Rolle der Rassestandard in der Hundezucht einnimmt. Dabei bieten die schon jetzt bestehenden FCI-Standards durchaus genügend Raum für eine gesunde Hundezucht. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wo noch gewisse Reserven zur Vervollständigung und Vertiefung dieser Tätigkeit liegen würden Dies gilt einerseits für die Rassestandards, für welche ich es als notwendig und zweckmässig erachte, diese zu konkretisieren, um eine einheitliche Interpretation zu gewährleisten. In gleichem Masse gilt dies jedoch auch für alle, die mit den Standards arbeiten. Dabei denke ich nicht nur an die Richter, sondern auch an alle für die Zucht verantwortlichen Rasseklub - Funktionäre und insbesondere auch an die Züchter selbst.
Hier wäre eigentlich mein Referat zum Thema: "Standard und seine Interpretation" zu Ende. Ich möchte aber gerne noch einige persönliche Gedanken zur gesamten Situation in der Kynologie äussern. Meiner Meinung nach liegt der grösste Fehler in der heutigen Kynologie darin, dass wir die ganze Problematik nur aus einem oder aus einigen wenigen Blickwinkeln betrachten Selbst ganz einwandfreie Standards und ihre präzise Interpretation können die Situation nicht wesentlich verändern, solange wir nicht mit der gleichen Initiative und Begeisterung die anderen Probleme, welche die heutige Zucht und Haltung der Hunde betreffen, zu beseitigen versuchen. Dabei handelt es sich zum Teil um ganz grundsätzliche Probleme, die auf den ersten Blick gelost zu sein scheinen Als Beispiel möchte ich die Hundefütterung anführen. Trotz sehr guten Möglichkeiten und genügend Fachleuten auf dem Gebiet der Hundefütterung ist diese nach meinem Erachten in vielen Fällen noch nicht optimal. So mache ich mir darüber Gedanken, ob nicht ein Teil der Probleme, mit denen wir gegenwärtig vor allem bei den grossen Rassen zu tun haben, auf eine ungenügende oder gar gänzlich ausbleibende Versorgung der Welpen mit Muttermilch zurückzuführen sind. Denn heute kann ein Züchter den ganzen Wurf, manchmal auch mit sehr vielen Welpen, aufziehen. Dem gegenüber steht die Beschrankung auf 6 Welpen pro Wurf, die manche von uns noch erlebt haben. Diese Beschrankung wurde in den Dreissiger - Jahren des letzten Jahrhunderts eingeführt Denn man hatte beobachtet, dass Hunde, die aus Würfen mit mehr als 6 aufgezogenen Welpen stammten, ihr ganzes Leben lang vermehrt zu Erkrankungen neigten, insbesondere auch zur Erkrankung an Staupe. Auch aus der Humanmedizin ist bekannt, dass Kinder, die gestillt wurden, weniger zu Erkrankungen neigen und leistungsfähiger sind.
Bedenklich ist sicher auch das Problem der mangelnden Bewegung und psychischen Belastung bei einer Mehrzahl der Tiere der heutigen Hundepopulation. Natürlich können Sie dem die Spitzenleistungen unserer Hunderepräsentanten in verschiedenen Sport- und Arbeitswettbewerben entgegen halten. Aber das ist etwa das gleiche, wie wenn wir uns auf die Leistungen von Boris Becker, Steffi Graf oder von anderen Spitzensportler berufen, die Mehrzahl des Volkes jedoch durch seinen schlechten Lebensstil die Krankenkassen ruiniert.
Grosse Möglichkeiten, aber gleichzeitig auch eine verantwortungsvolle Aufgabe, liegen in der systematischen Bekämpfung von genetisch bedingten Mangeln, aber auch von nicht genetisch bedingten Erkrankungen. Denn durch die Impfungen gegen den Komplex der Staupeerkrankungen, durch die heutigen medizinischen Möglichkeiten, aber auch aus Mangel an der richtigen Arbeitsbelastung wurde die ursprüngliche, sehr harte natürliche Selektion fast vollständig beseitigt. Zum Glück gibt es jetzt schon sehr perspektive Möglichkeiten zur Feststellung gewisser Dispositionen, womit durch diagnostische Methoden die natürliche Selektion zumindest teilweise ersetzt werden kann. Die gewünschten Erfolge in dieser Richtung können aber nur erreicht werden, wenn die erforderlichen Massnahmen bei der überwiegenden Zahl der gezüchteten Hunde durchgeführt werden Dies aber verlangt eine bewusste Unterstützung von Seiten aller verantwortungsvollen Züchter und der für die Zucht zuständigen Rassenklub-Funktionäre. All diese Massnahmen müssen aber im ausgewogenen Gleichgewicht stehen zwischen dem, was aus wissenschaftlicher Sicht erforderlich und möglich ist und der!"'., was in der praktischen Hundezucht durchführbar und für den Züchter auch tragbar ist
Es besteht jedoch noch ein weiteres Problem in der derzeitigen Kynologie. Das ist nämlich die unkontrollierte Zucht von Hunden ohne nachvollziehbare und bestätigte Abstammung Es geht hierbei um Nachkommen von Eltern, bei denen keine gesundheitlichen Kontrollen durchgeführt wurden oder sogar von solchen mit ungenügenden Resultaten bei solchen Kontrollen. Auch die Aufzuchtbedingungen und die Zahl der Würfe, die eine Hündin bereits erbracht hat, werden nicht kontrolliert. Noch schlimmer ist es aber bei der vollständig unkontrollierten Produktion von Bastarden. Wenn ich mich als Kynologe betrachte, dann interessiere ich mich und setze ich mich ein für das Wohl der Hunde im allgemeinen. Es darf mir darum nicht gleichgültig sein, dass noch am Anfang des 21. Jahrhunderts Hunde gezüchtet werden, bei denen möglicherweise vorprogrammiert ist, dass sie das ganze Leben lang leiden werden. Darum müssen wir ganz radikal und kompromisslos verlangen, dass solche züchterische Tätigkeit mit gesetzlichen Mitteln verboten wird. Unsere Gleichgültigkeit in dieser Sache kommt in der Form von Angriffen gegen die Zucht und Haltung aller Hunde wie ein Bumerang auf uns zurück. In der Regel wird nämlich überhaupt nicht unterschieden, unter welchen Bedingungen die kritisierten Hunde aufgezogen wurden und ob jemand ihre Haltung kontrolliert hat.
Ich habe versucht, in meinem Einleitungsreferat nicht nur die Problematik des Standards und seiner Interpretation, sondern auch die Zucht und Haltung der Hunde im allgemeinen zu erörtern. Ich bin mir bewusst, dass mein Referat einige Fragen Aufgeworfen hat und ich hoffe, dass wir in der jetzt folgenden Diskussion zusammen Antworten darauf finden werden.